manchmal

Manchmal ist alles anders.
Manchmal kommt alles anders als man denkt.
Manchmal denkt man alles anders als es kommt.
Ich sehe nichts.
Nichts sehe ich.
Ich sehe was mein Herz begehrt.
Und das ist nichts.

The big empty.

Gestern war Donnerstag.
Heut ist Freitag.
Das alles ändert nichts.
Es ist nur menschlich allem einen Namen zu geben.
Einen Namen zu geben allem was menschlich ist.

die welt im quadrat

Die Welt im Quadrat ist grau, wenn hinter fast Fenstern
mit Mitmenschen die Läden geschlossen werden.
Wenn man immer gegen die Sonne fährt oder sich nur lang genug
auf einen Licht-Punkt konzentriert, sieht alles aus wie durch einen Filter, wie eine Art Fernsehschnee.
Jede Nacht gehen uns die Farben verloren. Wohin sie verschwinden weiß niemand. Jemand hat den Knopf an der Rolltreppe betätigt.
„STOP“ leuchtet da jetzt in neonrot. Einfach so, als wäre nichts passiert.

eine schiene/zweigleisig

Ich bleibe auf der Strecke. Sie ist lang und kalt. Schon jetzt habe ich einen Abdruck der Schienen des Zugs nach nirgendwo. Aber vielleicht ist es gut so. Es kennzeichnet mich. Es zeigt ich gebe nicht dem Stillstand meine Hand, aber es verdeutlicht, ich habe mich überrollen lassen. Ich legte mich auf die Gleise, nein, nicht quer sondern senkrecht, schließlich wollte ich nicht drauf gehen und wenn es so gewesen wäre, dann hätte es so sein sollen.
Als der Zug auf mich zu rollte verspürte ich keine Angst, alles ging sehr schnell. Ich spürte den Wind und den Geruch von alt. Wie viele wohl schon unter diesem Zug gelegen hatten ohne das es jemand bemerkt hatte? Ich sah dich noch winken, aus weiter Ferne, wedelnd, ein, zwei Tränen im Auge und ein Lächeln auf den Lippen und die Genugtuung: ich hab sie gehen lassen. Hast du denn nicht begriffen, dass ich nicht gehen wollte?
Mein alter Koffer lag auf meinem Bauch, darüber die Hände gefaltet, die Augen geschlossen mit zitternden Lidern. Er war leer und verstaubt, aber es war ein Koffer. Mein Koffer.
Als wir uns verabschiedeten drehte ich mich nicht um, ich vergoss keine Träne, ich streckte dir nicht die Hand zum Abschied entgegen, ich sendete dir keinen Kuss, denn solcherlei Gefühlsausbrüche lagen außerhalb meines weltlichen Stolzes. Ich ging nicht schnell, im Gegenteil: ich schlurfte das Gleis entlang. Ich sah dich gehen ohne mich umzudrehen und ich wusste du gingst weil du wusstest dass ich Abschiede hasse (vor allem an Bahnhöfen).
Wahrscheinlich gingst du die Treppen runter und mit der letzten Stufe brachst du zusammen. Du und die ganze Last die ich dir auferlegte.
Endlich hattest du die Freiheit das zu tun, was du tun wolltest, und eben in diesem Moment wolltest du heulen, und schreien und hassen und lieben und dieses ganze Leben verfluchen, obwohl es dir die Gelegenheit gab, das zu sein was du bist.
Der Zug rollte also über mich hinweg, einfach so, als wäre es das Normalste der Welt. Und dann, der Zug war weg und ich lag da und ich schämte mich.
Ich las die ganzen Pfennigstücke auf, die auf den Gleisen lagen, finanzierte mir damit einen Kaffee (den ich sonst nie trinke), setzte mich auf die letzten Holzbänke eines Bahnhofes, die es wahr-scheinlich auf dieser ganzen weiten Welt noch gab und sah starren Blickes auf geschädigte Tauben, die wie hypnotisiert in den weichen Asphalt pickten.
12:11.
Der Zug fährt ein.
Cut.
Der Zug fährt aus.
Eine Holzbank – auf ihr ein Becher mit Kaffee.

ist es das?

Während sie tanzte und sich die Erde um sie drehte
blieb die Zeit stehen, nichts als die Zeit, nichts mehr.
Das Licht funkelte um sie herum in schwindelerregender Höhe.
Der Grad war schmal zwischen Vernunft und Wahnsinn.
Der Sinn des Wahns? Was sonst sollte es sein.
Die Menschen um sie herum standen still mit offen küssenden Lippen, Wörter hingen in der Luft und sauer füllte Stoff den Raum.
Bewegungen blieben stumm, ohne Bedeutung und die Musik
hing schwer von der Decke herab.
Stille.

Stille.

Stille.
Nichts als das und doch ausreichend, zumindest für diesen Moment.
Nichts mehr.
Sie atmete tief die Schwere und wurde erfüllt von Leichtigkeit.

Aufatmen.

Nichts weiter.

angst 2/euphorie

Draußen wird Frühling.
Die Luft ist wärmer und riecht eigenartig nach Freundlichkeit.
Die Leute lachen auf einmal und gehen Hand in Hand durch die Parks. Füttern die Enten mit schimmligem Brot und freuen sich, wenn ab und zu ein Fisch seinen Kopf an die Oberfläche bringt um seinem Notstand ein Ende zu machen.
Hier küssen sich welche, dort haben einige das Küssen aufgegeben und beschränken sich auf das Nötigste. Alles ist in eine Art rosa Tüll gehüllt und hellblaue Wolken aus Zuckerwatte hängen so tief, dass diesmal auch alle satt werden.
Es ist wie im Traum.
Ein paar Luftballons fliegen durch die Luft, weil kleine Jungs sie
aus Versehen losgelassen haben. Jeder grüßt jeden und Margarethe im geblümten Kleid leckt an einem riesigen Schokoladeneis mit Stückchen während Tom ihr den Nacken streichelt. Alle haben rote Wangen vor Freude über diesen wunderschönen ersten Frühling.
Such a perfect day.
ai

Wenn ein Herz schlägt und man schaut dabei aus dem Fenster, kann man beobachten, wie sich alles im selben Rhythmus bewegt und man kommt schnell zu der Erkenntnis, das alles lebt und man beginnt sich zu fragen, ob dieses Herz, welches den Rhythmus vorgibt vielleicht gar nicht in uns, sondern in allem um uns herum, also in den Dingen, die wir sonst als leblos bezeichnen, ist.
Eben flog ein Vogel gegen die Scheibe. Es gab einen dumpfen Knall. Ich überlege wie dieser Vogel überhaupt auf die Idee kam, in meine Richtung zu fliegen, schließlich konnte er doch, wenn auch nicht die Scheibe, alles andere sehen, was hier um mich herum ist.
Vielleicht ist es eine Art inneres Verlangen, eine Art Instinkt, der ihn dazu trieb. Vielleicht hatte er auch einfach keine Lust mehr zu sein und entschied sich für den kürzesten Weg.
Vor mir eine Zigarette – in mir wie so oft Gedanken über Sinn und nicht Sinn, besser: Sinnlosigkeit. Als Kai neulich einen Brief von der Schneekönigin schrieb, war ich sehr überrascht, das war ich nicht gewohnt von ihm.
Er schrieb, er schloss die Augen um allein zu sein.
Er schloss sie, um bei jemand anderem zu sein.
Er schloss sie, um die Zeit gehen zu lassen.
Als ich fragte, was er hörte, als er die Augen schloss, berichtete er,
er habe Tinnitus aurium, alles andere wäre ihm neu. Wahrscheinlich im selben Moment fuhr er eine Laterne über den Haufen und mit dem Kopf auf den Bordstein verquer und die Augen gen Himmel blieb er einfach liegen, wie lang ist unbekannt. Ich glaube er hatte keine Lust aufzustehen, also blieb er liegen und dachte nach über die Schneekönigin und über mich und über die Dinge, die ihn umgaben, über die Dinge die er hasste und die er liebte, über verpasste Chancen über das Glück, das ihn einst besuchte und das er wegschickte mit der Begründung, es habe sich eindeutig verirrt.
Die Laterne fragte, ob es ihm gut gehe und er sagte, „ja“ und blieb liegen. Sie richtete sich wieder auf und widmete sich den wichtigen Dingen des Lebens. Leute liefen vorbei, mit polierten Schuhen und hohen Absätzen, die sie auch nicht zu besseren Menschen machten. Ein Mann lief ihm direkt übers Gesicht, eine Frau über den Bauch. Sie sahen ihn nicht, ihre Zeit war begrenzt, sie hatten es ziemlich eilig. Kai störte das nicht.
Es begann zu schneien. Er machte es sich bequem und verschränkte die Arme hinter dem Kopf. Seine Tränen hing er an den Laternen-pfahl und mit einem Augenblinzeln wurden sie zu Eis.

inhaltsleer

Letzte Nacht also wieder nichts geträumt.
Namenlos – nahtlose Nächte.
Im Sperrgebiet geben den auftrieb- antrieb- trieb.
Wenn der Nachtwächter.
Wacht nächtet unter arsenhellen Himmeln.
Mittellose Meteoriten kreisen kunstvoll kräftig im Wesen.
Regelmäßig – regellos.
Im Fernglas um die Welt.

stillstand

Weißt du noch?
Heut riecht der Tag nach Herbst.
Wir haben Mai und nichts erinnert daran.
Es ist als wär alles verloren gegangen.
„Wir machen uns da was vor!“
Der imperfekte Mensch wird nicht mehr allzu lang bestehen,
das sollten wir ausnutzen.
Dann, wenn alles perfekt ist, stillstand.
Alles ist schwarz und weiß.
stillstand.

monolog: krieg vorm fenster

Draußen ist Krieg.
Ich sitze im weißen Nachthemd auf dem Fensterbrett im 3. Stock
und lass die Beine aus dem Fenster hängen. Im Radio berichten sie über die ersten überfluteten Kleingärten. 60-jährige Rentnerpärchen,
die nun in völliger Panik und Verzweiflung versuchen zu retten,
was zu retten ist.
Das Telefon klingelt.
Es läuft „Waterloo Sunset“ von den Kinks.
Draußen ist Krieg.
Es riecht nach Frühling und totem Fisch.
Drüben auf der anderen Seite sehe ich menschliches Kleinod
ohne Herz, aber Verstand die Kaufmärkte plündern.
Das Telefon klingelt.
Immer noch.
Unter mir fahren Schlauchboote. Alles ist sehr schön. Fast schon idyllisch. Wie in Venedig auf einer Art Familienurlaub, nur etwas moderner. Ständig hört man mir unbekannte Flugobjekte
auf und ab fliegen. Wir sind inzwischen eine Art Überwachungsstaat geworden, nicht daß wir es vorher nicht gewesen wären. Nur eben anders. Die Maschinenmenschen stürmen also die Läden, flüchten dahin, wo alles besser ist, fahren Schlauchboot oder retten ihre Kleingärten. Die Letzten werden die Ersten sein.
Ich sitze im weißen Nachthemd auf dem Fensterbrett im 3. Stock.
Im Radio läuft „It's a good day for dying“. Draußen ist Krieg.